Das Verlangen nach Sexualität ist schlicht und ergreifend die Kraft oder Motivation, die uns dazu zwingt uns fortzupflanzen und Sex zu haben. Es besteht kein Unterschied zu dem Verlangen nach Nahrung und Schlaf. Wir müssen essen und schlafen um als Individuum überleben zu können; und wir müssen uns fortpflanzen um unsere Existenz als Spezies fortführen zu können. Es handelt sich hierbei um einen ursprünglichen Drang, der unser Leben in einer bedeutsamen Art und Weise beeinflusst, da er für unser Überleben unumgänglich ist. Oft kontrolliert uns dieser Drang mehr als wir ihn kontrollieren können. Sollten wir versuchen unsere Sexualität zu unterdrücken, so wird sich das in uns ruhende sexuelle Verlangen und die sexuelle Energie auf die ein oder andere Weise trotzdem äußern. Nachdem wir in der heutigen Zeit über ausreichend Wissen bezüglich der Empfängnisverhütung besitzen, beschränkt sich unser Verlangen nach Sexualität oftmals auf das Vergnügen während des Aktes und die physische Innigkeit.
Die Empfindung des Verlangens
Obwohl das sexuelle Verlangen an sich einen biologischen oder physischen Ursprung haben dürfte, nehmen wir es im Erwachsenenalter oft als mentale Empfindung war. Das sexuelle Verlangen des Mannes wird üblicherweise als gut und zuträglich angesehen, während das sexuelle Verlangen der Frau oft als etwas Schlechtes und Schändliches dargestellt wird. Männliches sexuelles Verlangen wird oft durch eine Erektion, welche unmöglich übersehen werden kann, dargestellt; so wird sie von der Gesellschaft definiert und akzeptiert. In vielen Kulturen wurde der erigierte Penis sogar offen verehrt! Eine Frau kann nackt vor einem stehen während sie sexuelles Verlangen, Erregung und einen Orgasmus empfindet, doch möglicherweise bleiben all diese Empfindungen nach außen hin unbemerkt. Einige Gesellschaften haben asexuelle Frauen verehrt, sowie Jungfrauen und jungfräuliche Mütter. In Religionen werden sexuelle Frauen als Sünderinnen oder gar Hexen bezeichnet. Wie eine Frau also ihr eigenes Verlangen wahrnimmt hängt ganz davon ab in welcher Gesellschaft sie lebt und ob sie nach Anerkennung in dieser sucht. Es gab schon immer einige, die der Gesellschaft trotzten und deshalb als Flittchen oder Schlampe bezeichnet wurden.
Das Leugnen des weiblichen Verlangens
Mit diesem Wissen definiert eine Frau, genauso wie andere Frauen um sie herum, ihr sexuelles Verlangen als etwas anderes oder sie streitet es komplett ab. In der Vergangenheit, und ganz im Gegensatz zu heute, galt, dass ein junges Mädchen oder eine Frau entweder verliebt oder durchgedreht sein musste, um ihr sexuelles Verlangen zu zeigen. War sie verheiratet und hatte sie Kinder, so war sie verliebt; hatte sie jedoch nur gelegentlichen Sex, wechselnde Partner, gleichgeschlechtliche Partner oder war nicht verheiratet, so war sie verrückt geworden. Ihre sexuelle Energie wurde als ein Zeichen des Aufstands gesehen. Dies zwang Frauen ihr sexuelles Verlangen und ihre sexuelle Identität zu verleugnen und zu unterdrücken, um in ihrem Umfeld akzeptiert zu werden. Gute Mädchen waren schlicht asexuell!
In der heutigen Gesellschaft nehmen wir häufig an, dass eine Frau durchaus sexuell und auch orgastisch ist, auch wenn sie noch jungfräulich ist. Vielen, wenn nicht sogar den meisten Männern wurde beigebracht, dass eine sexuell triebhafte Frau sich nicht zur Ehe eignet. Ihre eigene Mutter dient dabei oft als Beispiel dafür, wie ihre spätere Ehefrau zu leben hat. Die Mutter, wie sie sie kennen ist asexuell und würde niemals ein Verlangen nach Sexualität verspüren, sie lehnt jede Frau ab, die in irgendeiner Art und Weise sexuell zu sein scheint; Töchter lernen vom gleichen Vorbild.
Ein Mann dürfte oft mit den sexuellen Fähigkeiten seiner Freundin prahlen, doch der gleiche Mann fühlt sich offensichtlich verärgert, wenn auch nur jemand Andeutungen über das sexuelle Verhalten seiner Ehefrau macht. Eine Freundin darf also ruhig ein Flittchen sein, doch eine Ehefrau sollte möglichst unschuldig sein. Oft haben Männer ein Problem damit, eine sexuell sehr aktive Frau ihrer Mutter vorzustellen. Eine sexuelle Freundin muss sich oft in eine asexuelle Mutter verwandeln um die Schwelle hin zur Heirat und Mutterschaft zu überschreiten. Das sexuelle Verlangen der Frau muss stets unter Kontrolle gehalten werden und darf nur zur angebrachten Zeit auf eine angebrachte Art und Weise ausgedrückt werden.
Wir wollen uns einfach nicht eingestehen, dass unsere heranwachsenden Töchter, inklusive derer, die das Teenager-Alter noch nicht erreicht haben, sexuelles Verlangen verspüren könnten. Das Vorhandensein von Schambehaarung deutet auf einen erhöhten Androgen-Spiegel hin, die Entwicklung der Brüste zeigt ein Ansteigen des Östrogen-Spiegels an. Normalerweise erwarten wir von unseren Töchtern, dass sie unschuldig und rein sind, frei von jeglicher Sexualität. Wir streiten ihr Verlangen nach Sexualität ab und erklären es einfach mit einem möglichen Verliebtsein, ersten Erfahrungen in Sachen Liebe oder einfach einer kindlichen Spinnerei. Dies jedoch führt zu Verwirrung und Schaden, denn den Mädchen ist es nicht erlaubt die wahre Natur ihrer Empfindungen zu hinterfragen. Generell machen wir uns keine Mühen ihnen verstehen zu helfen, was mit ihnen geschieht oder ihnen zu sagen, wie sie ihre sexuelle Energie abbauen können (z.B. durch Masturbation). Stattdessen schicken wir sie auf die Suche nach Liebe, doch die Liebe wird dadurch zu einem riskanten Unterfangen.
Weibliche Sexualität
Um sexuelles Verlangen besser zu verstehen, sollten wir erst einmal die Sexualität eines vorpubertären Mädchens und einer ausgewachsenen Frau untersuchen. Beide genießen möglicherweise physische Intimitäten, weil es sich für sie gut anfühlt und ihnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gibt, sowohl auf physischer, als auch auf emotionaler Basis. Unter der Bedingung, dass man auch das vorpubertäre Mädchen als sexuell ansieht, so masturbieren beide möglicherweise und empfinden sexuelle Befriedigung und Orgasmen. Sie mögen auf der Suche nach sexuellen Partnern sein weil sie Verlangen nach physischer Nähe und Sicherheit haben, oder weil sie neugierig sind, sexuelle Befriedigung empfinden möchten und einfach Spaß haben wollen. Die Motivation hinter diesen Aktivitäten lässt sich mit dem Fehlen des eindeutigen sexuellen Verlangens erklären.
Während ihr Tun sexuell sein kann, so können ihre Motive es nicht sein. Das Alter ausgenommen, scheint es keinen offensichtlichen Unterschied zwischen Mädchen und Frauen zu geben, außer, dass letztere die Möglichkeit hat, sich fortzupflanzen. Genau das ist es, was die Gesellschaft uns glaubend machen möchte, nämlich dass keine von beiden Sex begehrt.
Sexuelles Verlangen
In Wirklichkeit gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen einem vorpubertären Mädchen und einer heranwachsenden oder ausgewachsenen Frau. Dieser Unterschied ist das sexuelle Verlangen. Pubertäre Mädchen und ausgewachsene Frauen besitzen den chemischen Botenstoff Testosteron, welcher durch ihren gesamten Körper zirkuliert und sowohl ihren Körper, als auch ihren Kopf Dinge tun lässt, über die sie keine Kontrolle zu haben scheinen. Plötzliche scheint ihr Körper ein Eigenleben zu führen. Ohne erkennbaren Grund verspüren sie sexuelle Erregung und begeben sich auf die Suche nach einem sexuellen Partner. Während sie in der Schule oder auf der Arbeit sitzen, oder mitten in der Nacht, während sie schlafen, füllt sich ihr Körper förmlich mit Verlangen. Ihre Vulva und ihre Vagina werden plötzlich zu Leben erweckt und machen sich bemerkbar. Ihre Scheide wird feucht, ihr Kitzler beginnt zu pochen und ihr Herz rast. Ihr Kitzler, ihre Vulva und ihre Nippel sind äußerst empfindlich für Berührungen jeglicher Art. In ihrer Kindheit mögen sie masturbiert haben, weil es sich gut anfühlte; nun fühlen sie sich dazu genötigt und machen es häufiger. Ein dumpfer Schmerz in ihrem unteren Bauchbereich bringt sie dazu nach etwas zu suchen, dass ihn stillt und lindert, den vaginalen Schmerz. Der Anblick einer anderen Person, männlich oder weiblich, bringt sie dazu sich in Richtung dieser Person zu bewegen, ihre Füße bewegen sich unterbewusst. Sie wissen nicht warum, es passiert einfach. Sie sind voll von grenzenloser Energie und Erregung. Sexuelle Gedanken und Bilder werden übermächtig. Sie erliegen einem einzigen Gedanken: Sex! Unsexuelle Dinge werden plötzlich sexuell. Alles dreht sich nur um Sex. Egal wie stark sie sich versuchen dagegen zu wehren, sie schaffen es nicht. Keine noch so große Logik wird sie von ihrem Kurs abbringen. Sie sind sexuell, begierig, geil. Möglicherweise sind sie unschuldig und rein, aber sie sind definitiv nicht asexuell.
Nicht alle passen unter einen Hut
Der Grad der sexuellen Lust, die eine Jugendliche oder eine Frau verspürt, variiert beträchtlich von der einen zur anderen. Die Höhe des Verlangens und dessen Rhythmus sind von Frau zu Frau einzigartig. Eine Frau soll also nicht denken, dass etwas mit ihr nicht stimmt, weil sie möglicherweise sexuelles Verlangen gar nicht oder nicht mehr in dem Sinne wie oben beschrieben erlebt oder erlebt hat. Hier wurden absichtlich Extreme gewählt, da doch einige Frauen sehr intensives sexuelles Verlangen verspüren. Was normal ist und was nicht, hängt ganz allein vom Individuum ab. Viele erleben kein intensives Verlangen, einige machen diese Erfahrung eher später im Laufe ihres Lebens und nicht in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter. Eine Frau sollte nicht denken, dass sie unnormal ist, nur weil ihre Freunde und Bekannten mehr oder stärkeres Verlangen empfinden als sie selbst. Es ist völlig in Ordnung kein sexuelles Verlangen zu empfinden oder wenigstens kein besonders intensives. Das Ausbleiben des Verlangens ist nur etwas Unnormales wenn eine Frau es dafür hält. Eine Frau tut sich selbst und ihrem Partner nichts gutes, wenn sie versucht sexueller zu wirken als sie ist. Einige Frauen tun dies, weil Druck von der Gesellschaft, ihrer Umgebung und ihrem Partner auf sie ausgeübt wird.
Illustration von Patsy
Website FromLifeDrawings.com
Intimität, Sex, sexuelles Verlangen und Sexualität
Intimität, Sex, Sexualität und sexuelles Verlangen sind einmalige Dinge, die unabhängig voneinander existieren können, dennoch aber stark miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Sie alle spielen eine Rolle im Leben einer jeden Person und deren Beziehungen.
Körperliche Intimität lässt sich einfach spezifizieren als „sich wohl und sicher fühlen“ als ein Ergebnis der physischen Präsenz einer oder mehrerer anderer Personen. Wir fühlen uns sicher wenn wir in den Armen eines anderen liegen und die Wärme seines Körpers spüren und genießen. Wir haben ein Verlangen nach körperlicher Nähe weil wir soziale Wesen sind und uns aufeinander verlassen müssen um zu überleben. Körperliche Nähe ist sehr wichtig für unser emotionales Wohlbefinden. Man hat herausgefunden, dass das Fehlen von körperlicher Nähe im Kindesalter sehr schädlich für die Entwicklung des Kindes ist und die spätere Sexualität schädigt. Körperliche Intimität existiert mit dem Fehlen von körperlichem Sex, so wie im Falle der Eltern und ihrer Kinder und zwischen Geschwistern. Doch auch dort wo es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist, können aus körperlicher Intimität sexuelle Gefühle entstehen, denn der Körper reagiert oft von ganz alleine.
Emotionale Intimität wird mit Vertrauen und Ehrlichkeit in Verbindung gebracht. Wir sind emotional intim, wenn wir jemanden vertrauen, ohne uns dabei verstellen zu müssen und uns dabei wohl fühlen. Dies beschreibt wohl am besten, was Liebe ist und ist nicht oft mit einem Augenzwinkern erreicht. Emotionale Intimität kann aus oder in körperliche Intimität resultieren, die auf verschiedenste Art und Weise sexuell ist. Wenn man sich sicher und geborgen fühlt, kann das sexuelle Verlangen leichter zum Vorschein kommen. Ein Beispiel sind gute Freunde die einander ganz unerwartet sexuell attraktiv finden. Ohne emotionale Intimität kann es schwieriger sein sexuelles Vergnügen zu erlangen, da man sich nicht so einfach hingeben kann ohne seinem Partner zu vertrauen.
Sex ist das Körperliche, der sexuelle Akt und alle sexuellen Aktivitäten. Es ist das, was wir mit unseren Körpern machen. Sex ist nicht unbedingt Intimität, er kann sogar ohne Intimität – ob körperliche oder emotionale – existieren. Sex kann sogar ein Weg sein um Intimität zu verhindern. Wir können die körperlichen Aspekte des Sex voll ausleben ohne emotional darin verwickelt zu sein, wenn wir Sex auf nichts anderes als einen Akt der Fortpflanzung reduzieren. Dies soll nicht heißen, dass rein körperlicher Sex schlecht ist und man versuchen sollte ihn zu verhindern. Man kann auch Sex ohne Intimität genießen und daran Spaß haben. Es kann sogar absolut atemberaubend sein. Unsere Körper können die Macht übernehmen, was in wundervollem Sex und Vergnügen enden kann. Intimität wertet körperlichen Sex auf, indem es einer Person erlaubt loszulassen und auch mal die Kontrolle zu verlieren. So füllt Intimität auch die Lücken zwischen sexuellen Erlebnissen. Frauen wird oft ein Verlangen nach Intimität, Männern ein Verlangen nach körperlichem Sex, nachgesagt. So oder so müssen beide ein gutes Mittel zwischen beidem finden.
Sexuelles Verlangen mag zu Sex und Intimität führen, es kann aber auch zu Verwirrung führen, wenn man sexuell einfach nicht zu einander passt. Sexuelles Verlangen verbessert unser Leben, doch ebenso kann es die Logik ausschalten. Sexuelles Verlangen ist eine Notwendigkeit des Überlebens die mit anderen Dingen, die wir verlangen, in Konflikt geraten kann (Dinge, die uns ebenfalls ein gutes Gefühl geben, jedoch weniger wichtig für unser Überleben sind).
Eine Person kann sexuelles Verlangen einer Person gegenüber empfinden, die sie wenig oder gar nicht kennt, außer dem was sie sieht oder die Person ausstrahlt. Das anfängliche sexuelle Verlangen basiert oft auf das Erblicken eines jemanden allein. Danach versuchen wir unter Umständen Intimität aufzubauen und daraus Sex werden zu lassen oder wir vertrauen einer Person blind um sofort Sex zu bekommen. Wie wir unseren Partner unter Einfluss des Verlangens nach Sex sehen, wird oft mehr durch Fantasie als durch Fakten bestimmt, wenn unser Verlangen nach einer Person nicht während des ersten Treffens befriedigt wird. Sobald die anfängliche sexuelle Aufregung verflogen ist und keine Intimität aufgebaut werden konnte, entsteht eine Leere die uns veranlasst einen neuen sexuell aufregenden Partner zu suchen.
Aus evolutionärer Sicht würde unsere Kernfamilie gerne emotionale und körperliche Intimitäten anbieten, was so viel bedeutet, als dass unsere Sexualpartner lediglich eine Rolle in der Reproduktion einnehmen. Unser Fortpflanzungs-Partner darf ruhig ein vorbeiziehender Fremder sein. Ist eine Frau erst einmal schwanger, so sagt ihr Körper oft Nein zu Sex und die Familie bekommt eine höhere Bedeutung.
Dies steht im erheblichen Unterschied zu dem was wir heute erwarten dürften. Wir wollen alles in einer Person haben, denn große Familien gehören im heutigen Zeitalter der Vergangenheit an.
Sexualität umspannt alles: den biologischen, psychologischen und anatomischen Sex einer Person, seine sexuelle Orientierung, sein sexuelles Interesse, sein sexuelles Verlangen und seine sexuellen Erfahrungen. Wir alle sind sexuell, selbst wenn wir asexuell zu sein scheinen. Wir sind sexuell vom Moment unserer Geburt bis zum Moment unseres Todes. Eine Frau kann ein Verlangen nach körperlicher und emotionaler Intimität haben ohne Sex haben zu wollen, weil sie kein sexuellen Verlangen verspürt. Doch trotzdem ist sie sexuell. Wir können unserer Sexualität nicht entfliehen.
Die Hormone des Verlangens verstehen
Das Thema „Hormone“ ist extrem komplex. Verwenden wir eine Analogie und sehen die Hormone als eine Art Puzzle an. Ein Puzzle besteht aus vielen ineinander greifenden Teilen welche ein Bild ergeben, wenn sie zusammengesetzt werden. Jedes Puzzleteil passt nur in eine Position des Puzzles. Hat man nicht alle Teile oder passen diese nicht richtig zusammen, so wird man niemals das komplette Bild zu sehen bekommen. Versuchen sie einmal ein Puzzle zusammen zu setzen, wenn sie nur die Hälfte aller Teile haben! Dann versuchen sie wie es ist, wenn sie Teile von zwei, drei oder vier Puzzles zusammenmischen. Unsere Hormone zu verstehen ist noch fordernder wenn man sich klarmacht, dass die forschenden Mediziner immer noch nicht alle Teile unseres Puzzles gefunden haben. Wir haben ganz einfach nicht alle Antworten.
Während der Pubertät beginnen unsere Körper mit der vermehrten Produktion des Hormons Testosteron, welches uns dazu bringt einen Fortpflanzungspartner zu suchen. Dies ist nichts, was wir uns aussuchen oder worüber wir die Kontrolle haben, vielmehr passiert es einfach. Dies gilt sowohl für den Mann als auch für die Frau. Obwohl Frauen etwa ein Zehntel bis ein Fünftel (10-20%) der Menge haben, die durch den männlichen Körper fließt, beeinflusst es ihr Verhalten auf eine bedeutende Art und Weise. Der weibliche Körper ist wesentlich empfindlicher auf Testosteron, sodass kleine Änderungen des Testosteronspiegels große Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr sexuelles Verlangen haben können. Ohne einen passenden Testosteronspiegel wird man kein sexuelles Verlangen verspüren, bekommt jedoch möglicherweise gesundheitliche Probleme.
Adrenalindrüsen und Eierstöcke produzieren fünf verschiedene Typen von Stereoiden des Cholesterins; Androgen und Östrogen sind zwei davon. Üblicherweise werden Androgene als männliche und Östrogene als weibliche Hormone bezeichnet, obwohl beide Geschlechter sie in ihren Körpern haben. Frauen haben normalerweise einen höheren Spiegel an Östrogenen als an Androgenen. Eierstöcke und Adrenalindrüsen produzieren jeweils in etwa die Hälfte der Androgenmenge im weiblichen Körper. Es gibt fünf verschiedene Typen der Androgene, Testosteron ist einer davon. Testosteron wirkt sich sowohl auf den Körper als auch auf die Seele aus und verursacht das sexuelle Verlangen in uns, ebenso sorgt es dafür, dass wir mehr empfänglich für sexuelle Stimulationen werden. Testosteron beeinflusst auch verschiedene Körperfunktionen und unsere allgemeine Gesundheit.
Nachdem Eierstöcke und Adrenalindrüsen Testosteron produziert haben, verbindet sich der Großteil davon mit einem Protein namens Sex-Hormon-bindendes-Globulin (SHBG). Lediglich 1-2% des produzierten Testosterons bleibt als freies Testosteron vorhanden und beeinflusst sexuelle Funktionen. Um den Testosteronspiegel einer Frau beurteilen zu können, müssen sowohl das gesamte Testosteron, als auch das SHBG und die freien Androgene ermittelt werden. Hieraus können Ärzte schließen wie viel Testosteron produziert wurde und wie viel verfügbar ist um sexuelle Funktionen zu beeinflussen. Diese Tests sollten vormittags und nachdem die Menstruation begonnen hat durchgeführt werden. Alternativ ist ein Test auch kurz nach dem Aussetzen der Menstruation möglich.
Es ist wichtig zu wissen, dass Östrogen die Produktion von SHBG erhöht, was letztendlich dazu führt, dass sich weniger freies Testosteron im Körper befindet. Östrogen könnte also als „Anti-Testosteron“ angesehen werden. Dies ist der Grund warum hochdosierte Pillen zur Geburtskontrolle das sexuelle Verlangen unterdrücken können. Hieraus lässt sich ebenfalls erklären warum mehr Frauen ein höheres sexuelles Verlangen im hohen Alter empfinden als während der Pubertät, als der Östrogenspiegel noch hoch war.
Eine Frau produziert möglicherweise nicht genügend Testosteron oder ihr Körper ist zu unempfindlich auf dieses Hormon, wenn sie kein oder nur ein schwaches sexuelles Verlangen verspürt. Sowohl die Menge an Testosteron als auch die Empfindlichkeit sind im Leben einer Frau nicht konstant. Während es während der Pubertät oft zu Testosteron-Schüben kommt, nimmt der Spiegel im Laufe des Erwachsenenalters allmählich ab. Natürlich merkt man diese Veränderung nicht vom einen Tag auf den anderen, jedoch wird man einen Unterschied bemerken, wenn man sich einen längeren Zeitraum im Bezug das Verlangen und das Vergnügen betrachtet. Mit der Zeit vermisst man vielleicht sogar etwas. Dies kann mit Mitte Zwanzig passieren oder auch später. Frauen, deren Eierstöcke entfernt worden sind, werden einen plötzlichen 50%igen Abfall ihres Testosteronspiegels bemerken, somit werden in den Tagen nach dem Eingriff eventuell größere Veränderungen im Leben einer Frau eintreten.
Verlangen ist keine Garantie für Erregung und Orgasmen
Man sollte wissen, dass sexuelles Verlangen ohne die Fähigkeit sexuelle Erregung und Orgasmen erleben zu können, existieren kann, da andere chemische Verbindungen hier ebenfalls eine Rolle spielen. Stickoxide und periodische guanidine Monophosphate (cGMP) sind zwei wichtige Inhaltsstoffe sexueller Erregung. Stickoxide werden als Resultat sexueller Stimulation produziert und cGMP entspannt die Blutgefäße in erigierbaren Geweben um den Blutandrang (labial – die Schamlippen betreffend) und die Erektion (klitoral – den Kitzler betreffend) zu gewährleisten. Dies bedeutet, dass eine Frau durchaus Verlangen nach Sex empfinden kann, obwohl sie nicht in der Lage ist Erregung zu empfinden oder einen Orgasmus zu erleben. Als Resultat mag sie sich zur Intimität hingezogen fühlen, da Sex lediglich ihre sexuelle Frustration erhöht. Frauen die Antidepressiva zu sich nehmen erleben oft diese Nebenwirkungen.
Viagra mag Frauen helfen, die sexuelles Verlangen ohne Erregung oder Orgasmen verspüren, obwohl sie es einst getan haben. Viagra beinhaltet Sildenafil, das den chemischen Stoff, der Blutandrang unterdrück, blockt. Blutandrang ist nötig um Erregung oder Orgasmen erleben zu können. Wenn eine Frau Verlangen verspürt und über einen ausreichend hohen Spiegel an Stickoxoden und cGMP in ihrem Körper verfügt, kann Viagra ihnen helfen Erregung und Orgasmen zu spüren. Es wurde herausgefunden, dass Viagra Männern, die Antidepressiva nehmen, helfen kann und möglicherweise kann es auch eine Hilfe für Frauen sein. Während Viagra ein nützliches Werkzeug zur Behandlung von sexueller Unzufriedenheit ist, ist es keine Wunderpille oder eine Rundum-Lösung für sexuelle Probleme.
Beachten sie, dass Klitoris-Pumpen ebenfalls den Blutfluss zu den Genitalien erhöhen und somit auch zur Erregung und zu Orgasmen verhelfen können, genau wie es normale Selbstbefriedigung auch kann.
Verlangen nach was?
Obwohl Männer als auch Frauen ein Verlangen nach Sex entwickeln können, ist das, was sie verlangen oft sehr unterschiedlich. Männer können leichter einen Orgasmus während des Geschlechtsverkehrs erlangen, da die Vagina ihren Penis direkt stimuliert. Frauen hingegen finden oft mehr Vergnügen bei der manuellen oder oralen Stimulation ihrer Vulva, weil ihr Kitzler hierbei eher direkt stimuliert wird. Männer erfreuen sich an Sex, Frauen am Vorspiel. Der eine will Sex, der andere nicht. Dies führt häufig zu Konflikten zwischen Mann und Frau, was den sexuellen Genuss und das sexuelle Verlangen angeht. Beide wollen sexuelle Befriedigung, doch wie sie dies erreichen wollen, ist oft der Punkt an dem der Konflikt entsteht. Tatsache ist, dass sie letztendlich das Gleiche wollen; man muss es jedoch nicht zum gleichen Zeitpunkt erreichen um seine Erfüllung zu bekommen.
Wir nehmen an, dass sexuelles Verlangen darin resultiert, dass Frauen vaginalen Geschlechtsverkehr ausüben wollen, was aber oft nicht der Fall ist. Vielmehr verlangt sie nach Dingen, die sie sexuell erregen, ihr Befriedigung verschaffen und im Orgasmus resultieren, ohne sich über eine mögliche Schwangerschaft sorgen zu müssen. Oft berichten Frauen darüber, dass sie vaginalen Geschlechtsverkehr nicht als so intensiv oder genussvoll erleben, wie die Stimulation der Klitoris. Während des Geschlechtsverkehrs nehmen ihre Erregung und die Feuchte der Scheide ab, sie erleben teilweise keinen Orgasmus. Unter Umständen kann vaginale Stimulation sogar die sexuelle Frustration einer Frau erhöhen.
Selbst wenn eine Frau das Verlangen nach Geschlechtsverkehr verspürt, dieses Verlangen in ihrer Vagina spürt, so mag der Geschlechtsverkehr ihre sexuellen Bedürfnisse unbefriedigt lassen. Sie mag es körperlich genießen, doch lässt es ein Verlangen nach „Mehr“ zurück und sie wundert sich, was ihr fehlt oder was falsch mit ihr ist. Eine junge Frau erforscht den Geschlechtsverkehr oft in der Hoffnung, dass er ihr Befriedigung verschafft und findet heraus, dass dies nicht der Fall ist, was zu Gefühlskonflikten führen kann. Sie mag Männer sexuell attraktiv finden, findet aber heraus, dass Sex mit weiblichen Partnern befriedigender ist, da er nicht auf den vaginalen Geschlechtsverkehr fokussiert ist.
Gesellschaftlich herrscht die Meinung, dass eine Frau vaginalen Geschlechtsverkehr verlangen muss. Tut sie dies nicht, so stimmt etwas mit ihr nicht. So kann sie eine Frau dazu gedrungen fühlen, Geschlechtsverkehr zu haben, was zu emotionellen Konflikten und dem Verlust des Verlangens nach Sex führen kann.
Wenn eine Frau unglücklich oder gestresst ist, weiß ihr Körper instinktiv, dass es nicht klug wäre jetzt schwanger zu werden und unterdrückt ihr sexuelles Verlangen. Wenn Sex für Frauen nicht genussvoll ist und eher eine emotionale Bürde darstellt, sagt ihr Körper Nein zu Sex. Dies ist ein Teufelskreis.
Wir machen Geschlechtsverkehr zu etwas wichtigem und haben die Meinung, dass der Geschlechtsverkehr zwischen einem Pärchen all ihr sexuelles Verlangen stillt und befriedigt. Ein Beispiel hierfür ist Art und Weise wie Viagra beworben wird. Nach dieser Werbung könnte man meinen, dass alle sexuellen Probleme eines Paares gelöst sind, wenn der Mann eine Erektion haben kann. Es wird ignoriert, dass eine Frau keinen erigierten Penis braucht, selbst wenn sie sexuelles Vergnügen, einen Orgasmus und Befriedigung sucht. Man muss immer daran danken, dass Geschlechtsverkehr nur ein kleiner und optionaler Teil der sexuellen Erlebnisse ist.
Ausbleiben oder Verlust des Verlangens
Das Ausbleiben des Verlangens ist nicht das gleiche wie der Verlust des solchen. Das Ausbleiben des Verlangens meint, dass man noch nie ein solches Verlangen gespürt hat, oder zumindest noch nie in einem solchen Ausmaß wie man es sich selbst wünscht. Ein Beispiel ist die Frau, die während ihrer Pubertät keinerlei Aufkommen von sexuellem Verlangen verspürt hat. Der Verlust des Verlangens meint, dass man einst befriedigendes Verlangen verspürt hat, es aber aktuell nicht mehr tut. Der Verlust von sexuellem Verlangen ist im Allgemeinen ein schleichender Prozess, der jedoch aufgrund von plötzlichen und bedeutenden Änderungen im Leben des einzelnen, auftreten kann. Solche Änderungen können unter anderem eine Schwangerschaft, das Stillen, die Erziehung eines Kindes, eine Krankheit oder eine ärztliche Behandlung sein. Unter medizinischen Ansichten betrachtet man das Ausbleiben des Verlangens als primär, den Verlust als sekundär. Dies sollte man jedoch nicht zu wörtlich nehmen. Der Verlust von Verlangen ist sekundär, da er normalerweise durch eine anderweitige Veränderung verursacht wird. Die primäre Ursache muss zuerst verstanden werden, bevor eine Lösung gefunden werden kann.
Der Testosteronspiegel mag aufgrund einer reduzierten Produktion der Eierstöcke gesunken sein. Die Lösung hierfür ist möglicherweise eine Unterstützung des Testosterons. Das Ausbleiben des Verlangens resultiert aus dem Fehlen der primären Komponenten oder Bauteile, die hierfür nötig wären. Etwas anderes als Testosteron, ein wichtiger Baustein, könnte die Lösung für dieses Problem sein. Das Ausbleiben von sexuellem Verlangen kann ebenso Probleme mit anderen Nierendrüsen aufzeigen, oder auch zu wenig Körperfett. Körperfett hat einen bedeutenden Einfluss auf die reproduktive und sexuelle Gesundheit einer Frau.
Ihre Eierstöcke könnten nicht genug Testosteron produzieren, oder sie könnten nicht sensibel genug für die produzierten Mengen sein. So würden sie eine höhere Dosis an Testosteron benötigen als andere Frauen. Die Natur einer der beeinträchtigen Sexualität einer Frau zu verstehen ist der Schlüssel um ihren Grund und ihre Behandlung zu erkennen.
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